Größe ist relativ, das ist auch bei Hunden so. Denn die Größe liegt immer im Auge des Betrachters, für manche fängt groß bereits beim Labrador an, andere wiederum finden auch eine ausgewachsene Dogge noch „putzig“ und nennen einen Leonberger „mein kleiner Teddybär“. Vermutlich hängt die Angst vor einem Hund nicht nur vom Stockmaß des Vierbeiners ab, sondern auch von seinem Auftreten und Verhalten. Ein roter Faden zieht sich allerdings durch die Diskussion um die Größe von Hunden – das ist die Angst von Kleinhundehaltern vor großen Hunden und jener von Großhundehaltern vor kleinen Hunden meist dann, wenn sie schlechte Erfahrungen gemacht haben. Beide haben Angst, allerdings aus anderen Gründen.

Wenn „der Kleine“ etwas abbekommen hat

Eine Konfrontation, die beim Tierarzt endet, hinterlässt Spuren – bei allen Beteiligten. Wenn Klein auf Groß trifft, sitzt zwar meist der kleinere Kontrahent in der veterinärmedizinischen Praxis aber spätestens wenn es um den Schadenersatz geht, ist auch „der Große“ betroffen oder besser gesagt sein Zweibeiner. Die Schuldfrage wird immer häufiger vor Gericht geklärt, denn ein verletzter Hund ist nicht nur ein Versicherungsfall. Bei einem Bissvorfall spielen Emotionen eine große Rolle. Die Angst vor großen Hunden kann schnell zu einer Vorverurteilung führen. Aufgrund der aktuellen gesetzlichen Lage können Auflagen verhängt werden, die den angreifenden Hund ein Leben lang begleiten. Im schlimmsten Fall steht vielleicht eine Abnahme des Hundes oder sogar Euthanasie im Raum. Juristisch geht es dabei aber nicht um Schuld und Sühne, es geht ganz pragmatisch darum ob ein Hund gefährlich für seine Umwelt ist oder eben nicht.

Nicht immer ist der beißende Hund schuld

Kleinhundehalter tendieren dazu recht sorglos durch das Hundeleben zu gehen, sie stehen auf dem Standpunkt, dass der Kleine ja nichts tun könne. In ihren Augen ist immer der große Hund schuld. Genau das stimmt allerdings nicht. Auch bei kleinen und mittelgroßen Hunden gibt es Radaubrüder, die auf Krawall gebürstet sind und es gibt die „Opfer“, die sich gerne als Jagdbeute anbieten. Ein klassischer Auslöser von Unfällen ist das „Spiel“ auf der Hundewiese. Das „Spiel“ hat Gänsefüßchen, denn meist findet da alles aber kein Spiel statt. Hunde die einander gut kennen entwickeln einen „Spielmodus“ und wenn sie das tun, dann üben sie Verhaltensweisen, meist Jagdverhalten. Einander fremde Vierbeiner „spielen“ nicht, sie sind fast immer damit beschäftigt sich einzuordnen, das ist mit Stress verbunden. Manche Hunde kompensieren den Stress durch Bewegung, sie rennen. Das kann bei einem anderen Hund das Jagdverhalten auslösen, er rennt nach, schneidet den Weg ab und beißt zu.

Jeder Fehler erscheint unglaublich dumm, wenn andere ihn begehen

Georg Christoph Lichtenberg

Die meisten Bisse passieren weil Hundehalter Analphabeten sind

Hunde drücken durch ihre Körpersprache ziemlich genau aus was sie vorhaben zu tun. Wenn der Zweibeiner das gar nicht oder falsch „liest“, dann kann das unschön enden. Viele Hundehalter haben die romantische Vorstellung, dass sich alle Hunde lieb haben müssten. Diese hat mit der Realität wenig zu tun. Hunde haben einander nicht automatisch lieb, ganz im Gegenteil, viele Hunde sind recht wählerisch wen sie mögen und wen eben nicht. Zwingt man sie in eine Begegnung, dann kann das mit einem „blauen Auge“, sprich einen Biss, enden. Wer Hunde lesen kann muss auch keine Angst vor großen Hunden haben.

Stressquellen lassen sich nicht einfach ausschalten, wir können aber den Umgang mit ihnen zu unseren Gunsten verbessern.

Siegfried Santura

Ein kleines Beispiel – Chantal und Fellnäschen

Sagen wir, Chantal geht mit „Fellnäschen“ spazieren. Die Vierbeinerin hat im Verlauf des Spaziergangs schon fünf Begegnungen missmutig toleriert. Bei jeder Begegnung steigt der Cortisolpegel der Hundedame etwas an. Cortisol ist ein Stresshormon beim Hund, das großen Einfluss auf sein Verhalten hat. Bei der sechsten Begegnung wird „Fellnäschen“ dann „fuchtig“, das bedeutet, sie stürzt sich auf den anderen Hund und beißt zu. Chantal fällt aus allen Wolken, denn „Fellnäschen“ war doch so lieb bei den Begegnungen davor, und stammelt: „das hat sie noch nie gemacht“. Stimmt, Fellnäschen hat bei den Begegnungen davor nicht gebissen aber wenn Chantal ihre Hundedame lesen könnte, hätte sie gemerkt, dass Fellnäschen schon ziemlich sauer war. Das ist so wie mit dem Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, es war einfach eine Begegnung zu viel.

Wenn es „kracht“ und einer klein aber der andere groß ist

Wenn es zu einer folgenreichen Auseinandersetzung zwischen Groß und Klein kommt, dann hat der Große meist schlechte Karten, selbst dann, wenn er gar nicht angefangen hat. Schon in der Bibel kommt der kleine David besser weg als der große Goliath. Es ist ein kollektives Bild, das wir Menschen in uns tragen und das in unsere Moral eingeflossen ist – „ein Großer darf einen Kleineren nicht hauen“. Hunde haben dieses Bild allerdings nicht im Kopf, es gibt keine hündische Moralvorstellung die es einem großen Hund verbieten würde, einen kleineren Hund zu maßregeln oder anzugreifen. Wenn ein kleiner Hund auf einen Großen zuläuft, kläfft, anspringt, vielleicht zwickt, dann kann es durchaus passieren, dass der Große reagiert. Trotzdem muss man keine Angst vor großen Hunden haben, man muss ihnen nur genug Raum geben, sprich die Individualdistanz respektieren.

Muss man nun Angst vor großen Hunden haben?

Nein – ganz sicher nicht. Große Hunde sind nicht automatisch gefährlich und sie müssen auch nicht generell besonders gesichert werden, vorausgesetzt der Zweibeiner ist in der Lage sie richtig zu führen. Allerdings können sie, im Fall der Fälle, natürlich größere Schäden verursachen als ein kleiner Hund. Sie tun es allerdings relativ selten, denn ihre Zweibeiner erziehen sie im Allgemeinen gut, ganz einfach weil man einen Hund über 30 Kilo nicht mehr „nur“ mit der Leine führen kann, ohne Erziehung geht gar nichts. Bei 5 Kilo sieht die Sache anders aus, da lässt sich auch ein Freizeitzerberus ohne Erziehung durchs Leben zerren. Die Sicherheit liegt immer am oberen Ende der Leine.

Beide fürchten sich – aber aus anderen Gründen

Beide, sowohl Hundehalter großer Hunde und Hundehalter kleiner Hunde „fürchten“ sich voreinander. Der Großhundehalter hat Angst, dass ein kläffender Radaubruder in seinen Leinenradius einbricht, die Horrorvorstellung eines Kleinhundehalters dagegen ist der unkontrollierte Riesenhund, der sich auf seinen Kleinen stürzt. Ein kleiner Hund kann einen großen Hund zwar kaum verletzen aber er kann ihn vor Gericht bringen. Er kann auch dazu beitragen, dass der Große, wenn er regelmäßig unerfreuliche Begegnungen mit Kleinhunden hat, eine Aggression gegen sie entwickelt. Kleine Hunde können bei großen Hunden und deren Haltern Stress auslösen. Je öfter das passiert umso gefährlicher wird dieses Mensch-Hund-Team, wenn es keinen Weg findet mit solchen Begegnungen umzugehen. Daher können Kleinhundehalter sehr wohl zur Prävention beitragen indem sie ihre Hunde erziehen und gut sozialisieren.

Auf Hundewiesen und in Hundezonen

Wenn Hunde im Freilauf sind, dann gelten die Regeln der Hunde, denn meist sind die Halter zu weit von ihrem Hund entfernt um rechtzeitig Einfluss zu nehmen. Wer einen kleinen Hund besitzt, der gelernt hat seinen Stress abzubauen indem er sich als Jagdbeute anbietet, der sollte Hundewiesen meiden. Die Frage ist nicht ob sein Hund zur Jagdbeute wird, sondern wann. Wer einen kleinen Mobber sein Eigen nennt, sollte ebenfalls das Getümmel in Freilaufzonen meiden, denn sein Hund wird zum Opfer werden, irgendwann. Der Gesetzgeber hat den Hundehaltern eine Vorschrift gegeben, die im Freilauf nur schwer umsetzbar ist, denn eine absolute Kontrolle besteht nicht, wenn einander fremde Hunde miteinander toben. Jeder Hund der zusammengewürfelten Meute kann ein auslösender Faktor werden. Besonders wenn Klein mit Groß „spielt“ muss das kontrolliert passieren.

Und dann gibt es da noch einen Sonderfall

Die meisten brachyzephalen Rassen gehören zu den Kleinhunden, sie werden besonders oft Opfer von unerfreulichen Hundebegegnungen. Das liegt daran, dass sie nur schwer kommunizieren können. Zuchtbedingt haben sie übergroße Augen und eingedrückte Schnauzen. Der Mensch mag dieses Kindchenschema entzückend finden aber Hunde können darauf mit Verunsicherung oder Aggression reagieren. Die Rute, eines der wichtigsten Kommunikationsmittel des Hundes, fehlt ihnen. Viele brachyzephale Hunde röcheln und hecheln laut, auch das verunsichert andere Hunde. Das bedeutet nun nicht, dass sie keine Hundefreunde haben sollen, es heißt nur, dass sie ausgewählte Kumpels brauchen, die mit ihren Eigenarten umgehen können. Großhundehalter sind gut beraten Neu-Begegnungen mit Plattnasen nur mit Vorsicht zuzulassen, ein Augenvorfall ist schnell passiert. Wenn das Auge beim Mops „rausfällt“, dann ist der große Hund schuld, der Vorwurf: er hat einen anderen Hund verletzt. Das kann teuer werden.

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